„HIMALAYA“

Elke Lixfeld hat einen RAUM IM RAUM errichtet. Bestehend aus einem Lattengerüst aus Fichtenholz, das mit 177 bearbeiteten Papierbögen bespannt wude (incl. Boden).

Eine Malerin, die eine RAUM-IDEE verwirklichte, in der die illusionäre Dimension zugunsten einer konkreten, vierdimensionalen Bild-Räumlichkeit ersetzt wurde. Ein Kunstobjekt, das betretbar ist. Ein Denken, das zu betrachten ist.

Ein RAUM, der von ihr als Objekt, als SKULPTUR DER STILLE errichet wurde. Ein transparentes, spirituell wirkendes Gehäuse, das sich schwerelos über den Menschen wälbt.

Und auf den einzelnen Blättern DIE GROSSE UR-SCHRIFT DES LICHTS: PRUNKVOLLES HIMALAYA der menschlichen Sehnsüchte. Und jedes Blatt eine Ikone des Lichtes, ERWARTUNGSZEICHEN und BERÜHRUNGSZEICHEN einer jenseitig anmutenden Ferne, die wir in unserer wahrnehmunsgtollen Blindheit längst nicht mehr begreifen können. Licht, Zierrat UND Trophäe des Denkens! Und wie ein LICHT-DOM, in dem „die phänomenale Unordnung des Denkens und des Fühlens“ für einen einzigen Moment in geordnete Bahnen gelenkt werden könnte. In dem sich der Mensch in einem intutitiven und absichtslosen Impuls einmal SELBST begreifen könnte. HIMALAYA, Wohnsitz der Götter, kosmisches URBILD DER HIMMLISCHEN FELDER. AXIS MUNDI.

Der heilige Berg, wo sich Himmel und Erde begegnen. Mittelpunkt und Treffpunkt der irdischen und außerirdischen Welten. Und dieser RAUM EIN HAUS DES BERGES ALLER ERDEN! Und was für ein Zeichen, dass sich zum Zeitpunkt dieser Ausstellung der STRAHLENSTAUB VON TSCHERNOBYL über die Stadt senkt.

Dass wir uns in diesen transzendenten Schutzraum begeben, während zur gleichen Zeit die Zunahmen radioaktiver Nierderschläge registriert wird und die Angst vor den Isotopen wächst. Und dass genau in diesen Tagen der DALAI LAMA durch Europa reist und zu Frieden und Freiheit aufruft, während die Apokalypse droht.

Der RAUM ein Ort des Orakel. Ein Territorium des Mythos und Ritus. Und HIER und die LEERFORMEL. Die radikale, lapidare Architektur einer längst verlorenen Vision. Und die Öle als "FArbe" eingesetzt, die mit ihren unterschiedlichen Sickertiefen eine vielschichtige Transparenz ergeben. Aus dem Kanister auf das Papier geschüttet und mit einem breiten Besenpinsel oder Metallrakel über die Fläche gewischt.

Und Malen als szenisches Ritual. In der analphabetischen Form der KÖRPERSPRACHE verwirklicht, in der die spezifische Spontanität und Rhythmik von Elke Lixfeld erkennbar ist. Dazu Gerüche, Geräusche, das Saxophon oder Cello, ein Lied von ALPHA MPONDO BLACK. Alles ist stimmulierend und assoziierend in Mal-Bewegungen umgesetzt, um in DIE NÄHE eines mutmaßlichen Ich zu gelange. Elke Lixfeld hat für die Bearbeitung der Papierbögen 10 Liter Firnis, 20 Liter Terpentinbalsam, 5 Liter Standöl, 5 Liter Lackleinen, 10 Liter kaltgeschlagenes Leinöl und 12 Kilogramm Damma, eine Harzflüssigkeit, verwendet.

Und vom Nomadentum zur Seßhaftigkeit gezwungen, HIER in diesem RAUM des SELBST-GEHÄUSES eine Woche lang ihre Bilder malend: Sich selbst-darstellend in HEIMATLICHER FREMDHEIT, eine Beduine der Lichtwelt.

Walter Aue (Berlin, 10. Mai 1986)